Die Ideallinie in Hagens grüner Hölle

Hagens Grüne Hölle misst 865 Meter. Aber nur dann, wenn man es tatsächlich schafft, unter Berücksichtigung der Fahrphysik die kürzeste Verbindung zwischen Start und Ziel zu fahren. Das ist – kleinere Abweichungen, die sich aufgrund von Unebenheiten oder wechselndem Asphalt ergeben können – zumindest bei trockener Strecke die Ideallinie (rote Linie). „Man muss die Kurven immer so gerade wie möglich fahren“, sagt der Kartbahnbetreiber und ehemalige Formel-3-Pilot Achim Beule. Was simpel klingt, kann in der Praxis aber schon beim Training und erst recht im Rennverkehr zu erheblichen Problemen führen.Schon wenige Meter hinter der Start- und Ziellinie liegt die erste Doppelschikane. Eine Kombination aus zwei Rechts- und zwei Linkskurven, die selbst absolute Könner auch bei idealen Bedingungen nicht mit Vollgas fahren.

Für Anfänger heißt es also erst recht: Fuß vom Gas, bremsen, Geschwindigkeit reduzieren. „Gerade in der ersten Rennrunde kann es an dieser Stelle ganz schön eng werden“, sagt Achim Beule, „wichtig ist es, die erste Rechtskurve ganz von außen anzufahren. Wenn das nicht hinhaut, setzt eine Kettenreaktion ein, die bis zum Ende der Schikane anhält.“ Zieht man in der ersten Kurve nach innen zum Kurb, erwischt man auch die zweite Kurve von außen. „In dieser Linkskurve sollte man etwas länger innen am Kurb bleiben. Dann sind auch die dritte und vierte Kurve eigentlich kein Problem mehr.“

Bis zur Spitzkehre, einer 180-Grad-Kurve am anderen Ende des Motodroms, fällt die Strecke leicht ab. „Vom Ausgang der Schikane fährt man am besten eine langgezogene Diagonale“, erklärt Achim Beule. „Die Kurve wird wieder von weit außen angefahren. Ein neueres Teerstück bietet den besten Gripp.“ Vom Scheitelpunkt der Kurve aus geht es wieder ganz nach außen. „Dabei lässt man sich förmlich hinaustreiben, öffnet die Lenkung leicht und macht keine aktive Lenkbewegung.“

Es folgt wieder eine langgezogene Diagonale, damit die erste Linkskurve der folgenden Schikane möglichst von weit außen angefahren werden kann. „Erfahrene Kartfahrer können bei trockenen Bedingungen auf dem Gas bleiben“, sagt Achim Beule. Auch hier setzt sich der Effekt wie schon in der Schikane nach Start und Ziel fort. Wer die erste Linkskurve richtig erwischt, fährt die folgende Rechtskurve idealerweise von außen an. Gleiches gilt für den darauf folgenden Linksschwenk, den man bei ausreichend Platz auf der Strecke ebenso nahezu gerade durchfahren kann wie die nachfolgende Links-Rechts-Kombination.

Auf der nun folgenden Geraden erreichen die Karts die höchste Geschwindigkeit. Leihkarts werden bis zu 80 Stundenkilometer schnell. „Um so wichtiger ist es, für die dann folgende 180-Grad-Kurve den richtigen Bremspunkt zu erwischen“, erklärt Achim Beule. „Wer hier zu spät dran ist, der kann sich leicht drehen.“ Zumindest aber wird er in der Kurve weit nach außen getragen, was wertvolle Zeit kostet. „Optimal ist es, wie schon bei der ersten Spitzkehre von weit außen anzufahren, dann nach innen an den Kurb zu ziehen und sich wiederum hinaustragen zu lassen.“

Die kurze Gerade, die nun ansteht, sollte man diagonal von links nach rechts schneiden. Denn an deren Ende folgt die einzige Spitzkehre links herum. „Das ist eher ungewohnt“, sagt Achim Beule, „und deshalb sieht man an dieser Stelle viele Fahrfehler. Gut ist es hier, am Scheitelpunkt der Kurve einen halben Meter vom Kurb wegzubleiben.“

Die nächste Gerade ist wieder diagonal von rechts nach links zu fahren. In der letzten Spitzkehre – wieder rechts herum – bietet sich die letzte Möglichkeit, vor Start und Ziel Boden gut zu machen. Wieder von möglichst weit außen anfahren, wieder am Scheitelpunkt nah am Kurb sein, wieder nach außen heraustragen lassen. Auf der Start- und Zielgeraden außen bleiben (nicht diagonal kreuzen), weil ja die erste Schikane (siehe oben) von außen angefahren werden muss.

Bei feuchten Bedingungen und erst recht bei Regen ändert sich vor allen Dingen die Ideallinie (blau gestrichlte Linie) in den vier Spitzkehren. „Bei Trockenheit hinterlassen die Kartreifen Gummiabrieb auf der Ideallinie. Was mit zunehmender Renndistanz bei trockener Strecke zu mehr Gripp führt, bewirkt bei Regen genau das Gegenteil“, erklärt Achim Beule. „Nasses Gummi auf nassem Gummi rutscht. Das ist bei Schuhsolen so und erst recht bei feuchten Slicks, die auf dem Gummiabrieb auf der Piste sofort ins Rutschen geraten.“

Deshalb: Bei feuchter Strecke grundsätzlich Tempo reduzieren und die Fahrweise den Gegebenheiten anpassen. Vor allem in den Spitzkehren weg bleiben vom Gummiabrieb auf der Trockenideallinie. Die 180-Grad-Kurven von außen an- und in einem weiten Bogen durchfahren. „Außen bleiben“, mahnt Achim Beule, „sonst sind Dreher programmiert.“